Montag, Mai 01, 2006

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 3

Kathrin Rosi Würtz

Mit dem soziologischen Seziermesser durch die bönnsche Lennéstraße und auf halben Weg wieder zurück

Wenig erfreulich beginnt mein Dienstag-Morgen:

Bereits zu der für Studenten absolut untypischen Zeit von sieben Uhr in der Früh mache ich mich mit dicken Rändern unter den Augen und einer schmerzenden rechten Hand auf in Richtung Bonner Talweg. Mein Sportorthopäde wird eine Stunde später eine „anatomisch ungünstige Verkürzung meiner rechten Elle“ feststellen, die unter sportlicher Belastung zu einer Reizung der Handgelenkssehne geführt hat. Das Ergebnis: Ein Gipsverband für eine Woche, aber zum Glück keine weitere Einschränkung meiner Sportaktivitäten. Glück im Unglück sozusagen!

Gemeinsam mit der verbundenen Hand mache ich mich gegen 8:30 Uhr in Richtung Hochschulrechenzentrum auf, da sich eine Heimreise nach Bonn-Oberkassel bis zum Beginn des nächsten Hauptseminars nicht wirklich lohnen würde. Über den WLAN-Zugang des Uninetzes sehe ich an meinem Laptop die neuesten Emails ein und beantworte Anfragen bezüglich der BIENNALE BONN. Der technische Leiter des Festival-Teams möchte wissen, wann das berichterstattende Team von www.theinder.net am 13. Mai 2006 (Beginn der BIENNALE BONN) seinen Stand im Opernhaus aufbauen möchte. Wir einigen uns per Email auf 11 Uhr und klären noch weitere Fragen. Ich bin mal wieder begeistert von den Möglichkeiten und der Schnelligkeit des Email-Kontaktes: Zack, zack und Termine sind schriftlich fixiert, sozusagen in Schriftform konserviert und jederzeit in meinem Termin-Chaos wieder abrufbar.

Um 11 Uhr dieses wunderschönen Frühlingstages bemerke ich ein wenig erschrocken, dass in einer Viertelstunde das nächste Hauptseminar in der Lennéstraße beginnen wird: „Der soziologische Blick. Nicht-quantitative Verfahren der empirischen Sozialforschung.“ steht auf meinem mittlerweile doch sehr mageren Stundenplan. Das letzte Semester meines Magisterstudiums hat begonnen und jede absolvierte Seminarstunde liefert mir noch einmal neue Ideen, die sich in meine Abschlussarbeit integrieren lassen. Also, schnell die Sachen zusammengepackt, Laptop vom Stromnetz genommen und hastig in Richtung Hofgarten gespurrtet. Auf halben Weg kommt mir eine Studentin mit eingegipstem rechten Arm entgegen. Man schaut sich gegenseitig mit einem Schmunzeln an: Verständnis füreinander aufgrund einer scheinbar gleichen schmerzenden Erfahrung ohne wirklich zu wissen, warum der anderen jeweils ein langes weißes Band um den Arm gewickelt wurde.

Letztendlich komme ich in der „Soziologie-Garage“ doch als erste an: Der Raum ist um 11.07 Uhr noch komplett leer und ich mache mir Sorgen, ob das Seminar heute überhaupt stattfinden wird. Zu meiner Freude kommt jedoch eine Kommilitonin kurze Zeit später in den Seminarraum und erklärt mir, dass ja noch ein bisschen Zeit wäre bis das Seminar anfangen würde. Ich habe mich nie wirklich an die ungeschriebene Regel des legitimen Zuspätkommens innerhalb der Uni gewöhnt. Naja, vielleicht bin ich durch meine früheren Tätigkeiten beim Hörrundfunk zu sehr auf zeitliche Punktlandungen trainiert worden. Hauptsache ist ja, dass ich nicht zu spät in die Stunde reinplatze und alle Blicke auf mich ziehe.

Völlig unerwartet und die nahe Zukunft stark beeinflussend kommt es jedoch zu jenem spontanen Sprung ins eiskalte Bonner Wahrnehmungs- und Erfahrungsschwimmbecken:

Professor Gephart, Leiter des Hauptseminars, erklärt uns, dass das für heute geplante Referat über „Die Zivilisierung der Gefühle: Manieren“ aus diversen Gründen nicht gehalten werden kann und dass wir doch nach einem adäquaten Lückenfüller suchen müssten. Er macht den Vorschlag, für eine Dreiviertelstunde in die nähere Umgebung auszuschwärmen, um nach Ablauf dieser Zeit unsere eingesammelten soziologischen Erfahrungen den anderen Seminarteilnehmern vorzutragen! Das klingt nach „action“ außerhalb der Soziologie-Garage und wird auch direkt von allen Teilnehmern mehr oder weniger begeistert aufgenommen!

Für mich klingt diese Ansage fast wie die Aufgabe während eines Radioseminars zum Thema „Das machen wir live!: Reportage“: Geht mal raus und bringt ein paar O-Töne von der Straße mit! Nur diesmal ohne Aufnahme-Gerät und ohne konkrete Aufgabenstellung…

Wie von Geisterhand geführt löst sich die Seminargruppe auch schon in ihre Bestandteile auf: Manche verlassen alleine den Seminarraum, andere bilden kleine Forscher-Grüppchen.

Mit insgesamt drei anderen Studenten mache ich mich auf. In unseren Gesichtern macht sich bereits vor dem Garagentor ein riesengroßes Fragezeichen breit. Wenn wir das richtig verstanden haben, dann sollen wir uns nun also auf die Suche nach wahrnehmbaren sozialen Phänomen machen. Sozusagen auf Knopfdruck soziologische Erfahrungen mit unseren soziologisch trainierten Fangarmen packen und nachher als Beute den anderen vorlegen.

Kurzerhand beschließen wir die Lennéstraße hoch zuwandern und uns in ein Studenten-Café zu setzen. Eigentlich dürfte uns ja nichts leichter fallen, als uns durch soziale Räumlichkeiten zu bewegen und permanent auf soziologische Begebenheiten zu stoßen. Was bitte schön ist denn nicht soziologisch in der Bonner Innenstadt?! Selbst die Begrünung des Hofgartens kann soziologisch gedeutet werden und hat wenig mit Naturverhältnissen zu tun. Oh je, wir erkennen in diesem Moment, dass wir unser soziologisches Seziermesser auspacken müssen und uns gezielt und präzise wie die Hand eines Arztes kleine Stückchen herausschneiden müssen, um nicht gleich im Seminarraum als faule Studenten, die nur Café trinken können, dazusitzen!

In der Beweglichkeit hinter den Biertischen des Cafés stark eingeschränkt, plappern wir vier über unser Studentenleben. Martin, der eigentlich eben das Referat mit einem Kommilitonen halten sollte, ist noch sehr betrübt und peinlich berührt, dass sein Vortrag so unplanmäßig in’s Wasser gefallen ist und die Absageemail an unseren Professor scheinbar nicht rechtzeitig angekommen ist. Er macht sich Sorgen, den Erwartung nicht entsprochen zu haben und das ausgerechnet jetzt in den letzten Zügen seines Studentenlebens. Erwartungserwartungen gewissermaßen. Haha, da war schon eine soziologische Erfahrung. Später wird Martin zurück in der Garage genau von dieser Dreiviertelstunde berichten, in denen er Blut und Wasser wegen des verpatzten Referates geschwitzt hat.

Neben uns machen gerade zwei Ertklässler ihre Hausaufgaben in Mathematik. Die Mutter sitzt den Jungs gegenüber und mahnt einen der beiden, seine Sachen zusammenzupacken, weil sie doch bald heimgehen müssten. Der Junge reagiert ein wenig schleppend bzw. schenkt den Kommandos seiner Mutter überhaupt kein Interesse. Die Situation lässt mich an meine Schulzeit zurückdenken und wie gerne ich Hausaufgaben an schönen Sonnentagen gemacht habe und den Aufforderungen meiner Mutter genauso gerne gefolgt bin wie dieser Zeitgenosse am Nachbartisch! Manche Generationskonflikte werden einfach nicht gelöst!

Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich jedoch bald wieder auf unser Gespräch. Wir ärgern uns allesamt darüber, dass es immer wieder Studenten gibt, die ihr Erststudium schneller über die Bühne bekommen als wir. Merkwürdig, man denkt so oft, dass man der einzige Student wäre, der die Regelstudienzeit bereits überschritten hätte und dennoch trifft man immer wieder auf Leidensgenossen, denen es genauso ergeht. Wir machen uns gegenseitig Mut zum baldigen Abschluss und bilden eine Gemeinschaft der „Wir-machen-jetzt-unseren-Magisterabschluss“-Studenten.

Schön, dass dieser Frühlingstag eine solche klein-kollektive Stimmung bereithalt und neuen Ansporn für die Magisterarbeit gibt!

Europäische Klänge werden kurzzeitig in unser Gespräch getragen: Es stellt sich heraus, dass Martin einen polinisch-deutschen Familienhintergrund hat, Isabell schreibt ihren tschechischen Nachnamen auf einen Zettel und bittet Martin ihn auszusprechen, Vera erzählt uns von ihrem Erststudium in Russland und ich fühle mich irgendwie heimisch in dieser Runde, zumal meine Mutter aus Indien stammt und mein Vater im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde. Was war doch noch vor wenigen Tagen in einigen Zeitungen zu lesen: Aus für Multikulti! Das ich nicht lache!

Eine Dreiviertelstunde interaktiven Austausches geht ihren Lauf. Körperlich zwar in der Bewegung eingeschränkt und dem Bewegungsdrang eines gesunden Forschers durchaus gegenläufig, bewegen sich unsere Gedanken und Sprechapparate jedoch auf High-Speed á la DSL.

Zurück im Seminar berichten einige Studenten von ihren soziologischen Erlebnissen und Erfahrungen. Professor Gephart lässt sich jedoch mit den wenigen Berichten nicht abspeisen und fordert von jedem Seminarteilnehmer einen schriftlichen Bericht!

Unser soziologischer Werkzeugkasten besteht nun mal nicht nur aus offenen Augen, offenen Ohren, offenen Nasen, sondern auch aus einem Stift und Papier.

Doch das dürfte für niemanden ein Problem darstellen: Denn wie wirbt das Deutschlandradio momentan für sein Programm: „Kultur ist überall. Hören, was es zu sehen gibt.“! Tja, und Soziologie ist eben auch überall!

PS: Und nebenbei ist diese Website entstanden ;-)

2 Comments:

At 12:26 AM, Anonymous Anonym said...

Ein schöner Bericht:
Über die Handverletzung bis hin zur spontan entdeckten Multi-Kulti-Zusammenkunft voll von Gemeinschaft durch Gemeinsamkeit. Selbst quer durch die Zeit werden Geminsamkeiten gefunden - zwischen den Schulkindern und den studentenischen Erwachsenen, die durch ihr Gegenüber auf sich selbst zurück sehen. Aber gibt's auf dieser Welt nicht noch mehr Gemeinsamkeiten? Ist die Welt selbst vielleicht sogar eine der größten Gemeinsamkeiten? - ein gemeinsamer Lebensraum! Ein kurzer Blick in die Nachrichten scheint allerdings oft anzudeuten, dass das mit der Gemeinschaft dann aber wohl doch nicht immer gefühlt wird.
Wo wird aus Gemeinsamkeit also Gemeinschaft?
Muss es sich bei der Art der Gemeinsamkeit erst um eine Seltenheit handeln, damit sie auffällt? Oder erfordert es Schwierigkeiten, bei deren Bewältigung die Gemeinschaft Hilfe verspricht? Aber könnte denn nicht alles irgendwie einfacher sein und stelt somit noch eine Schwierigkeit dar, welche dann ja bereits eine Gemeinschaftsbildung fordert? Wer weiß?

Hm ... Gedanken die neue Gedanken hervorbringen und sogar über diese Website von Mensch zu Mensch weiter wirken.
Gemeinsames Denken also?
Bildet sich da vielleicht sogar schon wieder eine Geminschat aus?
Wer weiß?

Ein guter Anfang is es sicherlich.

Also dann, frohes Forschen noch - vielleicht sogar gemeinschaftlich. :)

 
At 3:46 PM, Blogger Melanie said...

Ich habe nach meinem Kreuzbandriss eine wirklich gute Sportorthopädie Köln gehabt und war sehr glücklich, dass alles derart verheilt ist. Man hofft ja immer das Beste.

 

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