Mittwoch, Mai 24, 2006

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 6

Denitsa Nikolova und Stefan Roesner
Das spontane Experiment zur objektiven Hermaneutik

Ziel unseres spontanen soziologischen Erlebnis und Experimentes war es, ein narratives Interviewverfahren auszuprobieren. Es sollte ein Auswertungsverfahren angestrebt werden, dass sich an das Interview anschließt. Besonders Handlungs- und Entscheidungsprozesse sollten fokussiert und von Interesse sein.

Dazu trafen wir am Bonner Hauptbahnhof Uwe, der sich nicht nur gerne mit uns unterhielt, sondern auch gerne an unserem kleinen soziologischen Exkurs teilnehmen wollte.

Wir baten Uwe, uns ein paar seiner biographischen Daten anzugeben, einfach nur Daten, ohne Absichtserklärungen oder innere Beweggründe. Denn wir wollten bei der Auswertung zunächst gar nicht wissen, mit welchen Aussagen ein Akteur seine Entscheidungen kommentiert. „Die objektiven Hermaneutiker gehen davon aus, dass nicht Intentionen, sondern Wirkungen tatsächlich getroffener Handlungsentscheidungen im Zentrum der soziologischen Aufmerksamkeit stehen sollten, wobei diese Entscheidungen als Auswirkungen von sozialen Regeln angesehen werden. Obwohl Oevermann nicht leugnen würde, dass Absichten und Intentionen für Handlungsentscheidungen wichtig sind, wäre ihre Analyse nach seiner Auffassung nicht tief genug. Statt dessen wäre zu fragen, welche soziale Regeln die Handlung bewirkt haben“ (Brüsemeister 2000: 257).

Über Uwe wollten wir aufgrund eines tabellarischen Lebenslaufes Aussagen treffen.

~~ tabellarischer Lebenslauf

Montag, Mai 22, 2006

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 5

Martin Kellmann
MEINE 45 MINUTEN

Die „Scham“ ist die Bezeichnung für eine Gefühlreaktion des Menschen, die häufig durch eine Verletzung der Intimsphäre ausgelöst wird.

Die „Scham“ kann sich aber auch häufig auf andere soziale Bereiche, zum Beispiel Ansehen, Geltung oder Erfolg erstrecken. Die Grundlage der „Scham“ ist das Bewusstsein durch bestimmte Handlungen oder Äußerungen bestimmten sozialen Normen nicht entsprochen zu haben. Als Beispiele können gelten: Die Missachtung von Anstandsregeln, ungeschicktes Verhalten, vermeintliches oder tatsächliches Versagen.
Das Schamgefühl kann sich in vegetativen Begleiterscheinungen äußern, wie zum Beispiel Erröten, Schwitzen, Herzklopfen, Senken des Blicks oder dem Gefühl sich einfach nur übergeben zu müssen.
Passend dazu gibt es auch ein Sprichwort, das lautet:
„Neid muss man sich erarbeiten, denn Mitleid bekommt man geschenkt.“
Wenn dieses Sprichwort stimmt, dann muss für mich am 25. April 2006 von 11.15 Uhr bis 12.45 Uhr Heiligabend gewesen sein.
Da stehe ich nun vorne neben dem Dozenten und im Sinne des Seminarthemas sollte ich mir nun die Frage stellen:
„Gibt es eigentlich empirische Untersuchungen über die Reaktionen von Dozenten, wenn sie in Erwartung eines Referats zur Sitzung kommen und dieses Referat nicht gehalten werden kann ?
Aus der Not eine Tugend machend, werden kurzerhand die Kommilitonen vom Dozenten aufgefordert in den nächsten 45 Minuten einen soziologischen Erfahrungsbericht zu verfassen.
„Gehen Sie nach draußen an die frische Luft und beobachten Sie.“

Der soziologische Blick...
Mein Blick indessen schweift in die Runde....über 20 Augenpaare sind auch auf mich gerichtet...soviel zur Definition des Schamgefühls.
Was ist eigentlich geschehen?
Jedem Soziologen sollte bekannt sein, dass beim Übergang vom Individuum zur Zweiergruppe ein deutlicher Gruppenvorteil entsteht:
Stellen wir uns doch mal vor, dass zwei Versuchspersonen, selbstverschuldet, innerhalb kurzer Zeit die Aufgabe lösen sollen, ein Referat fertigzustellen, das, unterteilt in beispielsweise 10 Unterpunkte, „Die Zivilisierung der Gefühle: Manierenbücher“ zum Thema hat.
Person X habe eine Lösungswahrscheinlichkeit von 0,5, d.h. X löse 5 der 10 Aufgaben, bzw. stelle 5 Unterpunkte für das Referat fertig. Person Y habe eine Lösungswahrscheinlichkeit von 0,4, d.h. Y löse nur 4 der 10 Aufgaben, bzw. stellt 4 Unterpunkte des Referats fertig.
Wieviele Punkte des Referats stellen sie zusammen?
Keines, wenn das Murphsche Gesetz greift.
Murphys ursprüngliche Formulierung lautet:
„Wenn es zwei, oder mehrere Arten gibt, etwas zu erledigen, und eine davon wird in einer Katastrophe enden, so wird er diese wählen.“
Eine weitaus bekanntere Fassung, die eigentlich „Finagles Gesetz“ lautet, heißt:
„Alles, was schief gehen kann, wird auch schief gehen.“

Das Ergebnis ist ein soziologischer Erfahrungsbericht.
Studentische Katastrophen können sehr bereichernd sein...

Was beobachtet man nach einer solchen unangenehmen Situation in einem vorgegebenen Zeitfenster von 45 Minuten und was nimmt man eigentlich wahr?

Und woran erinnert man sich später noch?

Ein Versuch.

Die Aufgabe für die nächsten 45 Minuten ist erteilt.

Verunsicherung, Staunen und vielleicht auch Ungläubigkeit beherrschen den Raum und die Gruppe von Studenten. Bemerkbar macht sich dies zunächst dadurch, dass niemand so recht weiß wie er eigentlich reagieren soll. Soll man jetzt aufstehen und aus dem Raum gehen oder abwarten? Erst nach einer Weile kommt Bewegung in die Gruppe. Offensichtlich wird allen klar, dass die Aufforderung des Dozenten wirklich ernst gemeint war.
Die ersten Studenten stehen auf und verlassen nach und nach den Raum. Ich schließe mich drei Kommilitoninnen an. Wir beschließen einen Kaffee trinken zu gehen. Wir verlassen das Seminar und machen uns auf den Weg.
Es ist ein wunderschöner Tag. Die Sonne scheint und es riecht nach Frühling. Auf der Straße herrscht eine Lockerheit und Entspanntheit, wie sie wohl typisch für solch` ein Wetter ist. Einer der ersten wirklich schönen und genießbaren Frühlingstage des Jahres 2006.
Man sieht lachende Menschen. Menschen in Eile oder solche, die langsam schlendern. Was Sonne alles verändern kann. Mir ist nicht zum Lachen zumute, trotz der ermunternden Worte meiner Kommilitoninnen.
Wir erreichen das Café und beschließen draußen an den Biertischen zu sitzen...kein Wunder bei diesem Wetter. Links neben uns am Tisch sitzen zwei Mütter, Ende Dreißig, und unterhalten sich sehr angeregt, während drei Kinder, ungefähr zweite oder dritte Klasse, damit beschäftigt sind, an diesem Tisch ihre Hausaufgaben zu machen...scheint Mathe zu sein....
Der Kaffee ist bestellt und die Zigarette kann angezündet werden. Hoffentlich wird es den Mann, Anfang 30, der schräg gegenüber bei uns am Tisch sitzt und in ein Buch vertieft ist, nicht stören...die ausgedrückte Zigarette im Aschenbecher, der an seiner Kaffeetasse steht verrät ihn allerdings.

Die Zigarette wird angezündet.
Wir vier unterhalten uns, obwohl ich den Eindruck habe, dass ich keinen allzu guten Gesprächspartner abgebe, denn irgendwie stellt sich immer wieder so ein mieses Gefühl ein...gebe trotzdem mein Bestes. Rosis ansteckendes Lächeln hilft...

Hin und wieder schweife ich mit meinen Gedanken und auch Blicken ab...ich beobachte, wie einer der Mütter links neben uns ihrem Sohn mit den Händen versucht Mathe zu erklären....während sich die andere Mutter davon unbeeindruckt zeigt und weiter erzählt...
„Bist Du Pole?“ werde ich plötzlich von einer Kommilitonin mit wunderbar russischem Akzent gefragt...jetzt bin ich wieder da.

Ich fange an zu lachen. Es ist wohl der blonde Scheitel und die breiten Wangenknochen, die mich verraten.

“Meine Mutter ist gebürtige Polin.“ entgegne ich.

Slawen erkennen einander.

Für einen Augenblick herrscht eine dieser typischen sekundenlangen Gesprächspausen. Und in eben diesem Augenblick tönt es plötzlich von der linken Seite:

„Vinzenz, mach` bitte Deine Matheaufgaben fertig!“

Zwei Fragen stellen sich bei mir ein:

Wie kann man seinem Sohn den Namen Vinzenz geben?

Wie kann man von Vinzenz, der ungefähr sieben oder acht Jahre alt ist, an einem Biertisch vor einem Café in der Lennéstraße verlangen, dass er sich auf seine Matheaufgaben konzentriert, während er von den anderen beiden Kindern und dem lauten Gerede der beiden Erwachsenen am Tisch abgelenkt wird?

Der Mann schräg gegenüber von uns liest immer noch sein Buch.

Es sind Fragen, die ich nicht beantworten kann.

Wir haben mittlerweile fünf nach zwölf mein Befinden ist immer noch miserabel, aber die zwei Mütter sind endlich weg. Stattdessen hat nun eine Gruppe von Kommilitonen am Tisch neben uns Platz genommen. Scheinen Juristen zu sein. Der Kaffee ist ausgetrunken. Für uns wird es Zeit zu bezahlen. Die 45 Minuten sind bald zuende. Die Sonne scheint immer noch und es riecht immer noch nach Frühling. Es herrscht immer noch eine Entspanntheit und Lockerheit auf der Straße, die typisch für solch` ein Wetter ist. Man sieht immer noch lachende Menschen, Menschen in Eile oder Menschen, die schlendern. Was Sonne verändern kann.

Wir erreichen das Seminar und die Selbstkasteiung kann beginnen...

Dienstag, Mai 09, 2006

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 4

Werner Gephart

Eine Frühlingsstimmung – soziologisch betrachtet

Schon auf dem Weg in den Seminarraum tritt mir ein Student entgegen, um mir mit großem Bedauern in der Haltung zu verkünden, dass etwas nicht stimmt. Man geht durch eine Garage, um über mehrere Treppen in das Souterrain der Stadtvilla zu geraten, die unser Institut beherbergt. Ich erfahre schließlich, dass einer der Referenten erkrankt ist und sein Mitspieler ihn nicht vertreten kann, da jener noch über die Bücher verfüge, die er aus seiner Quarantäne – aus epidemologischen Gründen – nicht hätte herausgeben dürfen, alos auch ihm eine Vorbereitung nicht möglich gewesen sei.


Was mache ich? Gebe ich den Alleinunterhalter, wie ich es so oft schon getan habe, ohne zu wissen, ob meine Botschaften auch verstanden wurden, obwohl mich die Studenten so freundlich und verständnissinnig anschauen? Heute wäre Norbert Elias auf dem Programm gewesen, nicht seine Zivilisationsthese als solche, sondern der methodische Aspekt der Manierenbücher. Ich habe mir jegliche Bemerkungen über den peinlichen Zusammenhang zwischen dem Sitzungsthema und der versäumten, zivilisierten Absage versagt und frage mich noch immer: was mache ich aus dieser Situation. Das Wetter ist hinreißend, ein erster Frühlingstag, an dem die Vogelstimmen in den Seminarraum dringen, der vom Licht des Frühlings erfüllt wird. Und uns alle nach draußen lockt. Natürlich darf ich meine Studierenden nicht einfach nach Hause oder ins Café schicken, aber: Könnte ich dies nicht mit einem Auftrag versehen, ja dem Auftrag eine Erfahrung zu machen, und zwar eine „soziologische“. Ohnehin erscheint mir das Problem einer Methodenveranstaltung gerade darin zu liegen, die systematisch erzeugte Wirklichkeitsscheu, wie sie der Methodenzwang heranzüchtet, sukzessive zu durchbrechen, ohne mich dabei auf die Seite der Methodenleugner zu schlagen. So macht die Aufgabenstellung schließlich Sinn: nichts weiter als „Erfahrung“ zu sammeln, welcher Art auch immer, um sie schließlich in irgendeine mitteilbare Form zu bringen.


Der Vorschlag wird bereitwillig aufgegriffen, die Zeit festgelegt, wann man sich wiedertrifft: genau eine drei viertel Stunde später in eben diesem Seminarraum, den ich in Erwartung einer routinemäßig zu absolvierenden Lehrveranstaltung betreten hatte. Das soll nicht heißen, dass es mich gelangweilt hätte, schon im vornhinein. Nein: Routine im Rahmen der immer wieder auftretenden Alltagsüberraschungen des Hochschullehrerlebens, die diesen Beruf so spannend für macht.


Aber jetzt: bin ich nicht selbst an den Auftrag gebunden? Habe ich nicht gerade die Aufgabe gestellt, um eben Alltagswahrnehmungen zu durchbrechen, auf einem indirekten Wege des paradoxen Auftrags, einmal etwas Mitteilenswertes zu erleben, was ja nur das Leben selbst bereit halten kann und schon erst recht nicht im Rhythmus von drei mal einem akademischen Viertel, um das man legitimer Weise zu spät kommen darf. Wie also soll ich selbst mich überlisten, um die Alltagserfahrung neu zu erfinden, wo ich doch den pädagogisch methodologischen Sinn selbst intentional vorbestimmt habe? Andererseits kann ich doch die Aufgabenstellung nicht verweigern, und sollte eher mit gutem Beispiel vorangehen, wie man so schön sagt, aber wohin?


Klar ist, dass der Raum zu verlassen ist, man in Bewegung gerät, zu Fuß überdies, um rechtzeitig wieder zurück zu sein. Und ohne große Absprachen ziehe ich also mit meinem Mitarbeiter, der mich begleitet, in die Richtung des Hofgartens, an Magnolienbäumen vorbei, alten Gründerzeithäusern, im Gehstrom mit Menschen, die es offensichtlich eiliger haben, Studenten, die zur Stadt hin oder zum Hauptgebäude eilen. Die Buchhandlung linker Hand lasse ich liegen, es ist immer so frustrierend zu sehen, dass sie meine Bücher nicht führen. Wie soll ich mich da wohl fühlen, auch wenn der Kaffee sehr gut ist.


Auf der Höhe des Rechenmuseums, sehe ich wie einer der älteren Studenten an einer Kreuzung steht und schließlich hinter einem Kinderwagen hergeht, in eine andere Richtung. Den sehe ich bestimmt nicht mehr wieder heute. Überhaupt: haben sie das nicht einfach für Blödsinn gehalten, einen zwanghaften Versuch, etwas Originelles zu machen, auch noch verdächtig eher Literatur zu produzieren als Soziologie? Sicher irgendeine der vielen Geschichten und guten Absichten, die im Sande verlaufen, weil man sich am Ende doch nicht traut, aus dem Gewohnten auszubrechen. So werden manche Studierende wohl denken!


Ich beobachte nur mit halbem Auge von der Lennéstraße aus das Treiben auf dem um einiges höher gelegenen Hofgartengelände. Hunde tollen dort herum, Equilibristen werfen ihre Balancierkeulen durch die Lüfte, eine große Heiterkeit liegt in der Luft, wie auf dem Bild Seurats „La grande jatte“. Nun steuern wir, im Gespräch in Institutsfragen verstrickt, auf das italienische Eiscafé zu, in dem meine Doktorandin vor Jahren ihre Untersuchung zur italienischen Familie und der Bedeutung von Familienfesten für die Solidarität der Familie begonnen hatte. „ Hat Nathalie – so heißt die kluge Doktorandin – eigentlich ihr Manuskript für unsere Reihe ‚Gesellschaft und Kommunikation’ fertig gestaltet?“ frage ich meinen Mitarbeiter, der mir von einem Gespräch vom vergangenen Freitag berichtet, wonach alle technische Schwierigkeiten der Druckvorlage bestens gelöst würden. Auf dem Weg zu einem Sitzplatz nehme ich den ehemaligen Leiter des Nordamerikaprogramms, seine ehemalige Sekretärin und den Organisator dieses Studienprogramms wahr. Ich hätte dringendst noch Klausuren abzugeben und würde mich ungern auf der Straße mahnen lassen, aber jetzt ist es zu spät. Wir befinden uns in einer Sichtnähe, in der man das wechselseitige Widererkennen nicht leugnen kann.


Daß ich diejenigen miteinander bekannt mache, die sich noch nicht kennen, dies ist noch dem letzten Seminar über „Manieren, Sitte, Etikette“ geschuldet. Die Kunst des Plauderns fällt dem diplomatisch geschulten Kollegen nicht schwer und so tauscht man Artigkeiten aus, den Wunsch sich wieder häufiger zu begegnen und den lauen Frühlingstag zu genießen. Erklären muß ich schon, was ich zu so einer Zeit hier mache. Und auf die Bemerkung hin, dass mir halt ein Referent ausgefallen sei, ist die Replik auch ganz eindeutig: „Sie werden doch immer noch etwas in der Tasche haben, Herr Kollege.“ Also fühle ich mich doch ein wenig ertappt und bemerke, dass nunmehr schon Dritte wissen, dass Gephart während seiner Seminarzeit ein Café aufsucht, und dies nicht einmal, um mit den Studierenden gemeinsam zu diskutieren oder in einer anderen Atmosphäre halt die anstehenden Seminaraufgaben zu behandeln, was wohl noch anginge oder vielleicht gar sympathisch wäre, sondern um die kostbare Zeit einer Seminarsitzung vielleicht dadurch zu verschleudern, dass jeder halt nur die geschenkte Zeit dafür nutzt, um noch ein bisschen mehr zu privatisieren.


Ob man das tun würde, wenn die Studenten Studiengebühren oder gar Kolleggeld entrichtet hätten? Das erinnert mich daran, dass ich am Tag darauf meine Teilnahme an einem Debattierwettbewerb zwischen Studierenden und Professoren zugesagt hatte, die nach amerikanischem Muster die Kunst des Streitens an einem beliebigen Gegenstand demonstrieren soll. Von den zur Wahl stehenden Themen wäre eines die Einführung von Kolleggeldern für die Teilnahme an Vorlesungen oder aber die Frage, ob cheer leader zur Bereicherung von Vorlesungen beitragen sollten, ein Thema, das mir nicht so behagte, weil die Rolle als Befürworter oder als Gegner so festgelegt schien: entweder den verdeckten Voyeur geben zu müssen, bei dem jede Bemerkung über das „Animierende“ schon die Grenzen der Correctness überschreiten würde, oder auf der Seite der Gegner sich als Spielverderber oder verklemmter Professor zu gerieren.

Beim Bestellen des Kaffees gelingt es, der Bedienung, einer der Töchter der traditionellen italienischen Eisdiele, ihr wunderbar klares Norditalienisch zu entlocken und sich gegenseitig des Wiedererkennens, zum Beginn der neuen Eissaison, zu versichern. Nun beobachte ich, wie eine meiner Studentinnen, in einem mittelbraunen Ledermantel und zurückgekämmtem Haar, in ein Gespräch mit dem Padrone verwickelt ist. Dieser ist meist unansprechbar und so ist das Ganze recht undurchschaubar, zumal wir von der Studentin des Seminars gar nicht wahrgenommen werden. Was macht der Caféhausbesucher, auch wenn er sich im Freien auf einer Terrasse aufhält? Er gibt vor, mit sich beschäftigt zu sein und ist doch sehr aufmerksam: er sieht die wenigen, die flanieren, also scheinbar ziellos an den Schaufenstern vorbeischlendern, an der Eistheke anhalten und ein Frühlingsspeiseeis, vielleicht das erste in diesem Jahr zu sich nehmen, und ein wenig bella Italia verspeisen. Ich bin erstaunt – als über lange Zeit in Bonn Ansässiger und vielleicht auch wegen meines Berufs – wie viele Menschen mir persönlich bekannt sind. Da geht der Direktor des Robert Schuman Instituts vorbei, der mich in der vergangenen Woche zum Mittagessen eingeladen hatte, ein sehr gescheiter Mann. Er bemerkt mich nicht und weiß also auch nichts davon, dass er in einem soziologischen Experiment auftauchen wird. Ich weiß nicht wohin er geht, aber es tauchen flüchtig Bilder der gemeinsamen Projekte auf, die unter anderem zu einem deutsch-französischen Doktorandenaustausch führen werden. Nun kommt eine hübsche junge Dame in die Nähe unseres Tisches, die Mitglied eines Kursus über „Globalization and Development“ für amerikanische Studierende ist. Sie legt wert darauf, mich mit einem Wangenküsschen zu begrüßen, das ist einfach schick und sehr, sehr europäisch. Auch sie geht rasch weiter, ihren eigenen Dingen nach. Gleichzeitig nehme ich mit halbem Auge wahr, wie ein paar Tischreihen weiter, von dem Emeritus offensichtlich ernstere Dinge verhandelt werden. Aber vom Inhalt dieser Kommunikation bleibt man abgeschnitten, nimmt aber wahr, dass man sich gegenseitig wahrnimmt.


Das Gespräch mit meinem Mitarbeiter dreht sich um alles Mögliche, das übliche Lästern über nicht anwesende Kollegen unseres Instituts, um dann eine überraschende Wendung zu nehmen. „Meinen Sie wir könnten jetzt ein wenig über meine Dissertation reden“ fragt mich mein Assistent? Ich bin ein wenig erschrocken, weil dies ja im Allgemeinen schwierigste Dinge sind, Terminfragen, Stipendien, Laufzeiten von Projekten und ähnlich dramatische Dinge. Ich weiß, dass er seit längerem mit dem schwierigsten bei einer Dissertation befasst ist, der Festlegung auf ein Thema. Was an dem alten Thema problematisch war, hatten wir schon mehrfach besprochen, nun aber der neue Vorschlag, den ich ganz phantastisch finde. Es stellt sich heraus, dass ich einmal selbst über dieses Thema im Rahmen eines meiner vielen Dissertationsvorhaben vor dreißig Jahren habe arbeiten wollen und dass mich die theoretische Brisanz und Eleganz des Themas nach wie vor beschäftigt: die Theorie sozialer Differenzierung. Sie bewegt sich auf dem höchsten nur denkbaren Theorieniveau und zerfällt gleichwohl in viele Einzelgeschichten, unter anderem in diejenige, ob man Bourdieus Feldtheorie nicht differenzierungstheoretisch lesen könne. Dieses Projekt nun war in luzider Weise zu meiner großen Freude entwickelt und es stellte sich gar heraus, dass ich mit Bourdieu gerade hierüber vor vielen Jahren ein völlig vergessenes Gespräch geführt hatte, das durch den Gesprächsanlaß wieder aus der Erinnerung hervorgeholt wurde... So hatte also die geschenkte Zeit eine Kommunikationslücke schließen können, zu der die Routinen eines mitunter hektischen Uni-Alltags keinen Raum geboten hätten.

Nun wird es Zeit zu zahlen, ein die Kontinuität der Kommunikation versicherndes „a la prossima voltà“ der reizenden Bedienung zur Verabschiedung zu sagen, an dem ehemaligen Kollegen vorbeigehend gar eine amerikanistische Frage zur Geschichte des „cheer leadings“ loszuwerden, um eventuell mit letzten Spezialinformationen den Debattierclub erheitern zu können, aber auch dem hoch verehrten Kollegen noch einmal die fachliche Reverenz zu erweisen!


Pünktlich betreten wir den Seminarraum, in dem uns der beobachtete „Seniorstudent“ und die Studentin in dem Ledermantel ihre Geschichten erzählen werden, die sich an einem Dienstag morgen, zwischen 10. 30 und 11.15 Uhr ereignet haben, innerhalb des gleichen Zeitraums, am gleichen Ort, auch wenn der tatsächlich eingenommene physische Standort und die je individuelle Bewegung eine jeweils andere war, in dem durch ein strahlendes Frühlingswetter erheiterten Flair einer kleinen Universitätsstadt, der nicht anzusehen war, dass zwei Tage später, nach über 30 Jahren Universitätsgeschichte, eine Senatssitzung gesprengt werden sollte.


Gespannt bin ich darauf, wie die Geschichten der Teilnehmer an diesem soziologischen Wahrnehmungsexperiment aussehen werden, die vom gleichen objektiven Rahmen der Beobachteraufgabe und der Erlebnismethodik getragen, von ganz unterschiedlichen Perspektiven eingefärbt, sich vielleicht doch zu einer kleinen Geschichte über die kleinen und unscheinbaren Formen der Sozialität zusammensetzen lassen, ohne die Gesellschaft, wie Georg Simmel sagt, nicht würde bestehen können.

Montag, Mai 01, 2006

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 3

Kathrin Rosi Würtz

Mit dem soziologischen Seziermesser durch die bönnsche Lennéstraße und auf halben Weg wieder zurück

Wenig erfreulich beginnt mein Dienstag-Morgen:

Bereits zu der für Studenten absolut untypischen Zeit von sieben Uhr in der Früh mache ich mich mit dicken Rändern unter den Augen und einer schmerzenden rechten Hand auf in Richtung Bonner Talweg. Mein Sportorthopäde wird eine Stunde später eine „anatomisch ungünstige Verkürzung meiner rechten Elle“ feststellen, die unter sportlicher Belastung zu einer Reizung der Handgelenkssehne geführt hat. Das Ergebnis: Ein Gipsverband für eine Woche, aber zum Glück keine weitere Einschränkung meiner Sportaktivitäten. Glück im Unglück sozusagen!

Gemeinsam mit der verbundenen Hand mache ich mich gegen 8:30 Uhr in Richtung Hochschulrechenzentrum auf, da sich eine Heimreise nach Bonn-Oberkassel bis zum Beginn des nächsten Hauptseminars nicht wirklich lohnen würde. Über den WLAN-Zugang des Uninetzes sehe ich an meinem Laptop die neuesten Emails ein und beantworte Anfragen bezüglich der BIENNALE BONN. Der technische Leiter des Festival-Teams möchte wissen, wann das berichterstattende Team von www.theinder.net am 13. Mai 2006 (Beginn der BIENNALE BONN) seinen Stand im Opernhaus aufbauen möchte. Wir einigen uns per Email auf 11 Uhr und klären noch weitere Fragen. Ich bin mal wieder begeistert von den Möglichkeiten und der Schnelligkeit des Email-Kontaktes: Zack, zack und Termine sind schriftlich fixiert, sozusagen in Schriftform konserviert und jederzeit in meinem Termin-Chaos wieder abrufbar.

Um 11 Uhr dieses wunderschönen Frühlingstages bemerke ich ein wenig erschrocken, dass in einer Viertelstunde das nächste Hauptseminar in der Lennéstraße beginnen wird: „Der soziologische Blick. Nicht-quantitative Verfahren der empirischen Sozialforschung.“ steht auf meinem mittlerweile doch sehr mageren Stundenplan. Das letzte Semester meines Magisterstudiums hat begonnen und jede absolvierte Seminarstunde liefert mir noch einmal neue Ideen, die sich in meine Abschlussarbeit integrieren lassen. Also, schnell die Sachen zusammengepackt, Laptop vom Stromnetz genommen und hastig in Richtung Hofgarten gespurrtet. Auf halben Weg kommt mir eine Studentin mit eingegipstem rechten Arm entgegen. Man schaut sich gegenseitig mit einem Schmunzeln an: Verständnis füreinander aufgrund einer scheinbar gleichen schmerzenden Erfahrung ohne wirklich zu wissen, warum der anderen jeweils ein langes weißes Band um den Arm gewickelt wurde.

Letztendlich komme ich in der „Soziologie-Garage“ doch als erste an: Der Raum ist um 11.07 Uhr noch komplett leer und ich mache mir Sorgen, ob das Seminar heute überhaupt stattfinden wird. Zu meiner Freude kommt jedoch eine Kommilitonin kurze Zeit später in den Seminarraum und erklärt mir, dass ja noch ein bisschen Zeit wäre bis das Seminar anfangen würde. Ich habe mich nie wirklich an die ungeschriebene Regel des legitimen Zuspätkommens innerhalb der Uni gewöhnt. Naja, vielleicht bin ich durch meine früheren Tätigkeiten beim Hörrundfunk zu sehr auf zeitliche Punktlandungen trainiert worden. Hauptsache ist ja, dass ich nicht zu spät in die Stunde reinplatze und alle Blicke auf mich ziehe.

Völlig unerwartet und die nahe Zukunft stark beeinflussend kommt es jedoch zu jenem spontanen Sprung ins eiskalte Bonner Wahrnehmungs- und Erfahrungsschwimmbecken:

Professor Gephart, Leiter des Hauptseminars, erklärt uns, dass das für heute geplante Referat über „Die Zivilisierung der Gefühle: Manieren“ aus diversen Gründen nicht gehalten werden kann und dass wir doch nach einem adäquaten Lückenfüller suchen müssten. Er macht den Vorschlag, für eine Dreiviertelstunde in die nähere Umgebung auszuschwärmen, um nach Ablauf dieser Zeit unsere eingesammelten soziologischen Erfahrungen den anderen Seminarteilnehmern vorzutragen! Das klingt nach „action“ außerhalb der Soziologie-Garage und wird auch direkt von allen Teilnehmern mehr oder weniger begeistert aufgenommen!

Für mich klingt diese Ansage fast wie die Aufgabe während eines Radioseminars zum Thema „Das machen wir live!: Reportage“: Geht mal raus und bringt ein paar O-Töne von der Straße mit! Nur diesmal ohne Aufnahme-Gerät und ohne konkrete Aufgabenstellung…

Wie von Geisterhand geführt löst sich die Seminargruppe auch schon in ihre Bestandteile auf: Manche verlassen alleine den Seminarraum, andere bilden kleine Forscher-Grüppchen.

Mit insgesamt drei anderen Studenten mache ich mich auf. In unseren Gesichtern macht sich bereits vor dem Garagentor ein riesengroßes Fragezeichen breit. Wenn wir das richtig verstanden haben, dann sollen wir uns nun also auf die Suche nach wahrnehmbaren sozialen Phänomen machen. Sozusagen auf Knopfdruck soziologische Erfahrungen mit unseren soziologisch trainierten Fangarmen packen und nachher als Beute den anderen vorlegen.

Kurzerhand beschließen wir die Lennéstraße hoch zuwandern und uns in ein Studenten-Café zu setzen. Eigentlich dürfte uns ja nichts leichter fallen, als uns durch soziale Räumlichkeiten zu bewegen und permanent auf soziologische Begebenheiten zu stoßen. Was bitte schön ist denn nicht soziologisch in der Bonner Innenstadt?! Selbst die Begrünung des Hofgartens kann soziologisch gedeutet werden und hat wenig mit Naturverhältnissen zu tun. Oh je, wir erkennen in diesem Moment, dass wir unser soziologisches Seziermesser auspacken müssen und uns gezielt und präzise wie die Hand eines Arztes kleine Stückchen herausschneiden müssen, um nicht gleich im Seminarraum als faule Studenten, die nur Café trinken können, dazusitzen!

In der Beweglichkeit hinter den Biertischen des Cafés stark eingeschränkt, plappern wir vier über unser Studentenleben. Martin, der eigentlich eben das Referat mit einem Kommilitonen halten sollte, ist noch sehr betrübt und peinlich berührt, dass sein Vortrag so unplanmäßig in’s Wasser gefallen ist und die Absageemail an unseren Professor scheinbar nicht rechtzeitig angekommen ist. Er macht sich Sorgen, den Erwartung nicht entsprochen zu haben und das ausgerechnet jetzt in den letzten Zügen seines Studentenlebens. Erwartungserwartungen gewissermaßen. Haha, da war schon eine soziologische Erfahrung. Später wird Martin zurück in der Garage genau von dieser Dreiviertelstunde berichten, in denen er Blut und Wasser wegen des verpatzten Referates geschwitzt hat.

Neben uns machen gerade zwei Ertklässler ihre Hausaufgaben in Mathematik. Die Mutter sitzt den Jungs gegenüber und mahnt einen der beiden, seine Sachen zusammenzupacken, weil sie doch bald heimgehen müssten. Der Junge reagiert ein wenig schleppend bzw. schenkt den Kommandos seiner Mutter überhaupt kein Interesse. Die Situation lässt mich an meine Schulzeit zurückdenken und wie gerne ich Hausaufgaben an schönen Sonnentagen gemacht habe und den Aufforderungen meiner Mutter genauso gerne gefolgt bin wie dieser Zeitgenosse am Nachbartisch! Manche Generationskonflikte werden einfach nicht gelöst!

Meine Aufmerksamkeit konzentriert sich jedoch bald wieder auf unser Gespräch. Wir ärgern uns allesamt darüber, dass es immer wieder Studenten gibt, die ihr Erststudium schneller über die Bühne bekommen als wir. Merkwürdig, man denkt so oft, dass man der einzige Student wäre, der die Regelstudienzeit bereits überschritten hätte und dennoch trifft man immer wieder auf Leidensgenossen, denen es genauso ergeht. Wir machen uns gegenseitig Mut zum baldigen Abschluss und bilden eine Gemeinschaft der „Wir-machen-jetzt-unseren-Magisterabschluss“-Studenten.

Schön, dass dieser Frühlingstag eine solche klein-kollektive Stimmung bereithalt und neuen Ansporn für die Magisterarbeit gibt!

Europäische Klänge werden kurzzeitig in unser Gespräch getragen: Es stellt sich heraus, dass Martin einen polinisch-deutschen Familienhintergrund hat, Isabell schreibt ihren tschechischen Nachnamen auf einen Zettel und bittet Martin ihn auszusprechen, Vera erzählt uns von ihrem Erststudium in Russland und ich fühle mich irgendwie heimisch in dieser Runde, zumal meine Mutter aus Indien stammt und mein Vater im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde. Was war doch noch vor wenigen Tagen in einigen Zeitungen zu lesen: Aus für Multikulti! Das ich nicht lache!

Eine Dreiviertelstunde interaktiven Austausches geht ihren Lauf. Körperlich zwar in der Bewegung eingeschränkt und dem Bewegungsdrang eines gesunden Forschers durchaus gegenläufig, bewegen sich unsere Gedanken und Sprechapparate jedoch auf High-Speed á la DSL.

Zurück im Seminar berichten einige Studenten von ihren soziologischen Erlebnissen und Erfahrungen. Professor Gephart lässt sich jedoch mit den wenigen Berichten nicht abspeisen und fordert von jedem Seminarteilnehmer einen schriftlichen Bericht!

Unser soziologischer Werkzeugkasten besteht nun mal nicht nur aus offenen Augen, offenen Ohren, offenen Nasen, sondern auch aus einem Stift und Papier.

Doch das dürfte für niemanden ein Problem darstellen: Denn wie wirbt das Deutschlandradio momentan für sein Programm: „Kultur ist überall. Hören, was es zu sehen gibt.“! Tja, und Soziologie ist eben auch überall!

PS: Und nebenbei ist diese Website entstanden ;-)

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 2

Auf der Spontansuche nach soziologischen Erlebnissen/Ereignissen

Erlebnis 1 : Entspanntes Erleben

Noch die unerwartete aber geniale Idee Prof. Gepharts , gewissermaßen geschenkte Zeit zum entdecken, finden und erleben soziologischer Erlebnisse nutzen verdauend, schlenderte ich die Lennéstrasse Richtung Hofgarten.
Im Kopf die Gedanken wälzend , was mag wohl ein soziologisches Erlebnis sein, wie definiert es sich gemessen am homo ökonomicus des Soziologen, so stand ich letztendlich an der Fußgängerampel zum Hofgarten. Neben mir entdeckte ich zwei Studenten, deren Gesichter ich eben auch im Seminar wahrgenommen hatte. Ihr seid wohl auch jetzt auf der Suche nach dem „ Soziologischem Ereignis/Erlebnis“? Wir schauten uns ein wenig ratlos am Bordstein stehend in diesem unerwartet hellem sonnigen Licht an. Völlig unerwartet schob eine junge Frau einen Kinderwagen an uns vorbei auf den Zebrastreifen, Stille, dann die Stimme der jungen Frau, ein Lächeln uns zugewandt die Stille durchbrechend ;“ so was, alles entspannt“. Sie ging weiter, das Grün der Ampel hatten wir gar nicht bemerkt, so an einem Ort abgelenkt wo man fast schon bei Rot losspringt. Wir schauten uns an, das war wohl schon ein Ereignis der gesuchten Art.
Wir trennten uns und ich ging der jungen Frau nach, um sie nach ihren Motiven dieser Äußerung zu fragen.
Sie erklärte, als ich an dieser sonst von Hektik geprägten Fußgänger Überquerung sie drei stehen sah, trotz Grün nicht loslaufend, empfand ich einen Moment der Ruhe ,der Entspannung und ohne zu wissen warum kamen diese die empfundene Situation kommentierenden Sätze aus mir heraus.


Erlebnis 2: Sender und Empfänger nicht auf gleicher Frequenz

Mit dem ersten Erlebnis zufrieden ging ich Richtung Uni bis zum Platz am Ende der Hofwiese, die Umgebung mit jetzt geschärftem „ soziologischen Blick „ beobachtend, analysierend. Eine Gruppe von Touristen eine gestikulierende zunächst nicht zuordbares erklärende Dame umringend nahm ich wahr. Das Geheimnis lüftete sich, denn sie erklärte in französischer Sprache, also waren die Touristen frankophoner Herkunft, die Bedeutung des Unigebäudes aus historischer und heutiger Nutzung bis zum alten Zoll hinweisend. Nun wo liegt hier das soziologische Erlebnis?
Nicht im sprachlichem Verständnis zwischen der Dame als Sender und der Gruppe als Empfänger, nein, trotz gleicher Sprache fehlte die Wahrnehmung/ Resonanz , jeder der Gruppe schaute in eine andere Richtung, beobachtete die Umgebung des studentischen „outdoorlebens“ nur nicht die von der Dame erklärten Fassaden, Kirchtürme und was sonst aus historischer Sicht würdigbar ist. Keiner beider Seiten merkte es, niemand zog Konsequenzen, das gebuchte Programm wird abgespult, auch wenn es niemand wahrnimmt. Ein Miteinander des Nebeneinanders.


Erlebnis 3: Nicht Kommunikation durch versprochene Kommunikation

Da die geschenkte Zeit noch nicht aufgebraucht war, steuerte ich das Einstein an, fand mich mit espresso an der Außenfassade in der Sonne sitzend immer noch hungrig nach soziologischen Erlebnissen wieder. Paare, die sich zusammen hinsetzen, schüchtern sich an- oder wegschauend, aber mangels Kommunikationsfähigkeit zieht jeder sein Handy hervor und schreibt SMS, ja vielleicht schreiben sie sich auch gegenseitig gerade SMS.

Die abwägenden Sekundenblicke von sich neu an die besetzten Tische setzen Wollenden, analysierend , was passt zu mir, Erkennungs- Zuordnungssymbole wie Geschlechtszugehörigkeit, Blick gesenkt/offen, Handy, Gauloise- oder Camelschachtel , Frankfurter, das Rosa der Financial Times oder TAZ etc als Zusammengehörigkeitsfaktor, Codes erkennen , das dann miteinander vielleicht ins Gespräch kommende erleichternd.

Unerwartet kam jedoch ein Bekannter/fast Freund von mir vorbei , gewissermaßen beide über die Situation überrascht. Ich lässig ein wenig schreibend sitzend, er im managerblau hektisch verharrend. Was machst du, dolce vita des quasi wieder Studenten, was machst du, der doch so Topmanager auf mittäglichen Abwegen?

Gerade gestern abend haben wir über euch gesprochen meinte er, wir gerade aus Frankreich zurück meinte ich, ein paar Sätze hin und her, dann der wichtige Satz zum sich Entfernen, keine Kommunikation wollend, laß uns mal telefonieren – eigentlich könnten wir ja gerade miteinander sprechen – aber die in Aussicht gestellte Kommunikation ist das Alibi für Nichtkommunikation, denn man wird sich nicht so schnell zusammen telefonieren, gewissermaßen auch ein soziologisches Erlebnis.

Dies sei nur eine Auswahl der tatsächlich wahrgenommenen Erlebnisse.

Dienstag, 25. April 2006: Bericht 1

Habe heute gar keine Lust zum Seminar zu gehen, meine
Schwester wollte sich doch heute morgen mit mir treffen,
sie antwortet nicht rechtzeitig auf meine SMS, also was
soll ich auf meinem Zimmer rumsitzen, dann gehe ich halt
doch zu Herrn Gephart. Mich plagt dieser blöde
HeuSchnupfen, ist ja schön, das es was wärmer ist, aber
dieses Jucken in der Nase und die Nieserei geht mir auf
die Nerven. Was solls, wird schon irgendwann aufhören. Als
ich dann im Seminar angekommen bin, ruft meine Schwester
an, tja wohl zu spät, jetzt möchte ich auch bleiben. Ich
wunder mich warum so wenig Leute da sind, warum wundern,
wer mag, der wird schon kommen. Herr Gephart kommt rein,
irgenwas stimmt nicht, ein Student diskutiert schon in der
Türschwelle mit ihm. Natoll das Referat fällt aus, wieso
bin ich eigentlich hier. Dann hätte ich mich ja doch mit
meiner Schwester treffen können. Nein das Seminar fällt
nicht aus, die Aufgabe heißt, gehen sie raus und machen
sie eine soziologische Erfahrung, wir treffen uns in einer
dreiviertel Stunde wieder. Was soll das jetzt, eine
soziologische Erfahrung, wie geht denn das? Keine Ahnung,
ich geh raus und mach das was ich immer mache, wenn ich
ein bißchen Zeit habe, ich trinke irgenwo einen Kaffee.
Dabei überleg ich dann, eine soziologische Erfahrung, du
machst so viele Erfahrungen, aber das ist doch nicht so
besonders, das kennst du doch schon irgendwie. Was ist mir
denn in letzter Zeit passiert, was ich nicht kenne.
Überleg, Überleg... ganz schön viel, nicht alles war
schön, viele Dinge waren echt gut... aber irgendwie hab
ich gleich gar keine Lust im Seminar zu erzählen, so gut
kenn ich die anderen auch nicht, und will auch keine
Märchenstunde eröffnen. Die dreiviertel Stunde vergeht
sehr langsam. Wann gehts denn endlich wieder los, hab doch
gar keine Lust so ewig lang vor meinem Kaffee zu sitzen,
wollte doch eigentlich ins Seminar. Ja irgendwann ist die
Zeit dann um, ich gehe wieder zurück in den Seminarraum,
ist noch keiner da, ein bißchen gespannt bin ich schon,
was erzählen denn jetzt die anderen. Sie erzählen von
ihren soziologischen Erfahrungen, was sie alles beobachtet
haben und was nicht, oder was jetzt auf einmal doch. Ach
irgendwie uninteressant, ist doch wirklich nix neues. So
jetzt sind es viertel vor eins, meine Schwester ruft an,
sie ist schon wieder nach Hause. Das Seminar ist rum. Ich
gehe zur Ub und suche ein Buch für die nächste Vorlesung.
Aber irgenwas ist jetzt anders, mich nervt zwar immer noch
der Heuschnupfen und das Jucken in der Nase, aber irgenwie
ist meine Unlust vom Morgen und die schlechte Laune
verflogen, warum eigentlich? Keine Ahnung das weiß ich
auch nicht, so viel ist ja nicht passiert, aber irgendwie
ist doch viel passiert. nur was genau? das kann ich nicht
beschreiben. war das jetzt eine soziologische Erfahrung,
einfach nichts tuen, und trotzdem das Gefühl bekommen, man
ist einen Schritt weiter gekommen? vielleicht schon,
manchmal ist es doch so. im Moment denk ich, man sollte
viel öfter was tuen, was man gar nicht erwartet, von sich
selbst erwartet, von den anderen. Mach doch einfach mal
irgendwas!"

Ein erster Eintrag!

Hallo liebe Seminarteilnehmer!

Hier entsteht nun also unsere Online-Publikationsplattform, die unsere soziologischen Erfahrungen während des Seminars "Der soziologische Blick. Nicht-quantitative Verfahren der empirischen Sozialforschung." festhalten wird.
Das schöne an einem solchen soziologischen Blog sind seine Interaktionsmöglichkeiten. Hier eingestellte Beiträge können jederzeit kommentiert werden!
Wer aktiv an diesem Blog teilnehmen möchte und selbstständig, zeit- und ortsunabhängig Posts veröffentlichen möchte, schreibt bitte kurz eine Email an bollywood@uni-bonn.de!

Viele Grüße und auf eine interessante Zusammenarbeit!
K. Rosi Würtz